Nebenan ist’s grüner….

Man sagt, man soll nicht zurück schauen. Man sagt, man soll das Leben nehmen, wie es ist. Man sagt, dass positive Gedanken stets positives anziehen und man sagt auch, dass sich neue Türen öffnen, wo sich alte schließen.

Mein Kopf steht nicht mehr still. Ich bin müde von all den Veränderungen, die wöchentliche neu eintreffen. Von all den Entscheidungen, die immer wieder gefällt werden müssen. Von den Sorgen und Ängsten, ob alles richtig war. Ob alles richtig ist, so wie es eben ist.

Jeden Tag, wenn ich meine Kinder vor mir sehe, wie sie die Welt entdecken, jeder der Drei auf seine Weise, bin ich unendlich glücklich, dass sie da sind und das sie sind, wie sie sind. Und doch beschleicht mich so oft dieses mulmige Gefühl. Das Gefühl, ihnen etwas genommen zu haben. Durch die Trennung und das Familienkonstrukt, in dem wir leben, kennen sie das „Mutter-Vater-Kind“-Gefühl gar nicht (mehr). Mein Herz krampft sich immer zusammen, wenn ich die glücklichen „normalen“ Familien sehe. Mit ihren Schwangerschaftsbäuchen, mit ihren Babys, mit ihrem gemeinsamen Familienglück. Es ist oft wahnsinnig schwer, zu akzeptieren, dass unser Modell ein anderes ist. Das Glück meiner Kinder hat für mich oberste Priorität. Alles, was ich tue; jede Entscheidung, die ich treffe, tu ich für sie. Regeln, Freiheiten, Ernährung, Sport, geistige und körperliche Entwicklung. Alles ist Thema in meinem Kopf in drei verschiedenen Altersstufen. Und dann immer die Frage: ist das der beste Weg, den ich ihnen bieten kann? Ist der Teppich weich, sanft und lang genug ausgerollt?

Werden sie auch ohne „typisches“ Konstrukt glücklich und eins mit sich selbst?

Auch wenn viele sagen, man soll es eben nicht tun – ich sehe sehr wohl oft zurück… wie ich in meinem wunderschönen mit Blumen gefüllten Garten saß, mit Kaffee in der Hand, die Sonne im Gesicht, die Kinder lachend beim Schaukeln hörend.

Das fühlt sich unendlich weit weg an, als wäre es nicht mein Leben gewesen, sondern das, einer anderen. Und doch – ich hab es nicht vergessen.

Ich weiß nicht, ob ich es vermisse. Das Gefühl. Aber es löst Traurigkeit aus. Traurigkeit, den Kindern etwas genommen zu haben. Aus Unfähigkeit, rechtzeitig Entscheidungen zu treffen bzw. sie überhaupt wahrzunehmen. Die Unfähigkeit zu sehen. Ehrlich zu sich selbst zu sein. Mut zu haben. Die Traurigkeit der Erkenntnis, Jahre seines Lebens in einer falschen Parktasche geparkt zu haben.

Diese falsche Parktasche hat nämlich eine elendig lange Spur der Konsequenz. Konsequenzen, die ich heute, fast 4 Jahre nach der ausgesprochen Trennung noch immer spüre.

Vor allem beruflich, aber eben auch seelisch.

Ich bin beeinflussbar. Leider. Und obwohl ich weiß, dass das Gras auf der anderen Seite nicht grüner ist, sagen meine Augen etwas anderes. Wo ich auch hinschaue, welchen SocialMediaKanal ich verfolge – Alle Welt scheint gefestigt zu sein. Jeder scheint zu seinen Entscheidungen fest zu stehen und grundsätzlich positiv an Dinge heranzugehen. Wenn man also denkt, alles wird gut, wird es das auch?

Woran erkenne ich, ob das ernst gemeint oder geheuchelt ist? Oder schlichtweg Selbstbetrug? Sind die entspannten glücklichen Familien wirklich jeden Tag gut drauf oder gibt es hier auch Sorgen, wie sich welches Kind, warum und wie entwickelt? Sind die beruflich erfolgreichen Menschen wirklich so unglaublich erfüllt oder ist das ein Gefühl, was man denkt verkörpern zu müssen? Sind die Freundschaften wirklich echt oder ist es ein gegenseitiges Einverständnis, dass man ab und an ne gute Zeit hat, sobald der jeweils andere außer Hörweite ist, wird ordentlich gelästert (gerade wieder erlebt)?

Jetzt kann jeder sagen: Sylke, dann distanzier Dich doch von dem ganzen Social Media-Ding, wenn Du Dich dadurch hinterfragst! Stimmt! Absolut. Würde ich mir selbst raten. Ich schätze, ich kann das nicht, weil ich durch meine Unsicherheit so oft hoffe, es gibt den einen Tipp, die eine Erkenntnis, was ich tun oder lassen könnte. Und manchmal hoffe ich auch, es gibt andere wie mich.

Menschen, die erstarren vor Respekt und fast Ehrfurcht, wie (scheinbar) gut andere ihr Leben meistern. Trotz Widrigkeiten und Niederschläge. Vielleicht bin ich zu weich, vielleicht zu sensibel. Vielleicht hinterfrage ich zu viel und zweifle zu oft.

Hier, jetzt und heute bin ich irgendwo anders, nur nicht bei mir. Was es schwer macht, ehrlich zu sein. Zu sich und zu anderen. Denn das Gras ist tatsächlich nebenan gerade grüner.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s