Das Leben im D-Zug

Da sind wir nun mitten im September schon angekommen und mir fiel am Wochenende auf, dass die Wochen zurzeit wir ein D-Zug an mir vorbeirasen. Jeder Tag vollgepackt mit vielen To-Dos und schlechtem Gewissen, wenn ich nicht alle erledigt habe.

Immer wieder falle ich dann auf die Social-Media-Falle rein und denke dann, ich darf nicht gehetzt sein, weil ich ja schließlich selbst entscheide und selbst verantwortlich bin. Wenn mir etwas nicht passt, habe ich die macht alles zu ändern – oder nicht? “Die anderen” kriegen doch schließlich auch alles hin, schaffen es täglich genug Obst und Gemüse zu trinken, Plastikmüll am Strand zu sammeln, Motivationsposts für andere zu schreiben, kreieren ein Buch/Poster/Schal, wahlweise andere Deko und dazu sehen sie wunderschön aus. Also so wirklich. Selbst morgens nach dem Aufwachen! Vermute keine Ironie hinter diesen Worten – ich meine das tatsächlich ernst.

Vorzeigbar bin ich hingegen erst, wenn ich mich mit Chanel und Dior eingedeckt habe, zwischendrin n bisschen Laverde. Und ich bin froh, wenn ich ‘n bisschen Gurke auf mein Brot gepackt habe, um meinen Gemüseanteil zu schaffen…

Ich sehne mich nach dem Herbst, weil er meist Ruhe bringt. Der aktive Sommer ist vergangen und es beginnt die Zeit zum Runterfahren – aber er will nicht recht kommen, der Herbst. Hier in Berlin ist es noch sommerlich warm. Vereinzelt mal 22 Grad, aber im Großen und Ganzen durchschnittlich warme 25 Grad. Was mich also noch nicht in die sehnsüchtig erwartete Ruhe übergehen lässt.

Alle und alles rast an mir vorbei, irgendwie erscheint mir vieles so unverbindlich. Als stünde ich in der Mitte und jetzt rennt um mich herum und an mir vorbei und ist nicht greifbar.  Mir scheint, als liegt es an der Stadt. Es gibt so ungefähr 1 000 000 Dinge, die man hier in zwei Stunden tun kann. Konzerte, Ausstellungen, Bars, Restaurants, Sportclubs, Lesungen und und und – dadurch muss ich manche Freunde gefühlt zwei Monate vorher fragen, ob wir uns sehen wollen, damit es noch freie Stellen im Kalender gibt. Viele sehe ich tatsächlich wochenlang nicht, weil man keinen Termin findet, der beidseitig passt. Dann denke ich wieder – ich mag die Möglichkeiten, die diese Stadt in vielen Dingen bietet, aber eigentlich… so ganz ehrlich – will ich meine 4 Lieblingsmenschen schnappen und mich dem entziehen.

Kennst Du die alten Burgen in den schottischen Highlands? Ich hab zuviel Outlander geschaut – und obwohl ich Strom, fließend Wasser und vor allem gut installierte Sanitäranlagen durchaus bevorzuge – wie schön ist es auf seinem Land inmitten der Natur zu leben und sich so zu erden? Die Natur zu beobachten, die noch so echt und schön ist.

Ohne diese Großstadtheuchelei, diese Unverbindlichkeit und diese Hektik.

In einem meiner ersten Artikel hatte ich erwähnt, wie gern ich mich selber finden würde oder zumindest wissen wollen würde, wer ich bin. In den letzten Tagen kam mir der Gedanke, dass ich das kaum rausfinden werde, weil ich in diesem D-Zug sitze und nur rase. Zwischen Dingen, die zu erledigen sind und Dingen, die ich tue, weil ich denke, sonst was zu verpassen.

Letzte Woche hatte meine Große einen Ballettauftritt. Für diesen hat sie seit Mai schon trainiert und war natürlich mächtig aufgeregt. In einem richtigen Theater auf großer Bühne!

Es dauerte eine Weile bis sie mit ihrer Gruppe dann endlich dran war und als sie auf die bühne kam, zückte ich natürlich schnell meine Kamera.Schließlich wollte ich Photos für sie machen. Damit sie diese ewige Erinnerung hat. Also knipste ich los. Winkel, Beleuchtung – alles schoss durch meinen Kopf. Dann ging sie von der Bühne und ich … ich habe quasi nichts von ihrem Auftritt gesehen. Ich war so mit der Einstellungen von Belichtung und Zoom beschäftigt, dass ich meine Große zwar durch die Kamera gesehen habe, aber nicht wahrgenommen habe… ich kann Dir also kaum sagen, was genau sie auf der Bühne getan hat…  Ich bin durch die paar Minuten ihres Auftritts gehetzt und habe genau denselben verpasst… Nur um das perfekte Bild zu machen ohne hinzuschauen.

Als mir das bewusst wurde, fühlte ich mich eben wir jener D-Zug, der durch die Zeit rast und sich selbst jagt. Sich selbst zu erden scheint eine wahnsinnige Herausforderung.

Was sind Deine Methoden, wenn die Welt sich zu schnell dreht? Wie bleibst Du bei Dir und mit Dir im Reinen?

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