Schein oder Sein

Letzte Woche sagte mein Prinzenkind (JA! Mein Sohn ist der einzig wahre Prinz und der Hübscheste und ich scheu mich nicht, das offen vor Euch zuzugeben! Es gibt Dinge im Leben, zu denen muss man stehen!) nachdenklich: „Ich möchte unbedingt so alt werden wie Oma und Opa! Aber ich will nicht so alt aussehen!“

Gut, dass Oma und Opa gerade nicht zugegen waren, sonst hätte es wahrscheinlich eine Änderung im Testament gegeben. Ich jedoch fing an nachzudenken. Denn ich gestehe, ich will einfach auch nicht alt aussehen. Aber auch nicht mehr blutjung! So eine elegante, im Leben stehende, wissen, wo es hingeht – aussehende Frau! Ja, so eine will ich sein! Ein Blick in den Spiegel machte auch mir eher eine müde, unwissende und suchende Frau.

Mein neues absolut umweltfreundliches und schadstofffreies Make-Up plus Dior-Kajal und Chanel-Wimperntusche (Ihr erinnert Euch? Carrie – all day long!) zaubert durchaus ein ansehnliches Äußeres, aber die Frage, welche Frau ich denn nun bin, klärt das beste Make-Up nicht. Schade eigentlich, denn das wäre wohl der Jahrhundertseller in allen Kosmetikgeschäften.

„Mit PURE wissen Sie, welche Frau Sie wirklich sind!“ oder so ähnlich.

Was Schönheitsmittelchen also nicht schaffen, müssen wir alleine schaffen.
Nicht alt und müde aussehen heißt, sich wohl mit sich fühlen und mit sich im Reinen sein.
Denn die Suche nach sich strengt an und lässt mehr Falten entstehen als uns lieb ist.
Die ganze Social-Media-Welt ist voll mit diesen hübschen Frauen und Müttern, die das Leben scheinbar mühelos meistern. Die schon morgens beim Aufwachen den perfekten Augenbrauenschwung haben und selbst nach dem wohltuenden Burger immer noch den flachsten Bauch überhaupt haben. Oft beteuern sie, dass sie schon schlimme Zeiten in ihrem Leben durchgemacht haben und erst jetzt (mit Ende 20) wissen, wo sie stehen. Versteht mich nicht miss, ich bin gar nicht neidisch als solches – ich will’s nur einfach auch!

Und wenn wir gerade ehrlich sind – wollen wir nicht alle ewig „gut“ aussehen und die Wertschätzung unserer Wesen. Wir wollen diese wunderschönen Frauen sein, die ihren Kindern die perfekten Mütter sind, gleichzeitig aber noch die besten Freundinnen für ihre Mädels sind und die begehrtesten Liebhaberinnen ihrer Männer. Das ist schon ein großes Los, was wir da gezogen haben. Und die Ansprüche, die wir da an uns selbst stellen… Puh, die sind so unglaublich hoch. Wie sollen wir denen denn gerecht werden?

Geht’s Euch auch so?

Es gibt solche und solche Tage, oder? An einigen kann man diese Unsicherheit vollkommen abschütteln. Gerne dann, wenn man von jemanden hört, der eine Schwester hat, dessen Cousine 3. Grades was völlig Dummes in unseren Augen angestellt hat.  Egal was, jeder von uns hat ja da seine eigenen Ansichten, wie was scheinbar richtig ist. Jedenfalls an solchen Tagen geht’s eigentlich, ne? Dann kann man den Macchiato in der Sonne genießen und sich denken „Och, du bist eigentlich doch ganz gut in deinem Leben vorangekommen!“

Aber dann – dann kommen sie, diese fiesen Momente, die wie Thors Hammerschlag den Erdball erzittern lassen.

Der Blick in den Spiegel bei Tageslicht, der viel zu große Poren und viel zu tiefe Falten offenbart.

Der Spruch Deines Kindes, nachdem Du tatsächlich die dritte Tüte Gummibärchen verboten hast. „Das ist gemein! Bei Papa dürfen wir viel mehr!“

Die fehlende Nachricht Deiner Freundin, wie es Dir wirklich geht, nachdem Du einen Meilenstein in Deinem Leben aus dem Weg geräumt hast.

Der Schmerz, wenn Dein Kontostand Dir verdeutlicht, dass Du Deinen Herzenswunsch auch diesen Monat nicht erfüllen kannst, während andere unverdient durch die Welt reisen.

Und keiner der gutaussehenden Frauen im Social-Media-Life gibt dazu die Anleitung. Wie finden wir heraus, wer wir sind und wie wir mit Problemen umgehen, ohne sie zu verdrängen? Das können wir nämlich richtig gut. Einfach wegschieben, dann verschwindet es schon irgendwann… doch… ganz bestimmt…wirklich… oder nicht? Nein… Leider nicht. Es holt uns irgendwann ein. Es sei denn, wir haben das Talent zur Selbstlüge und einen Selbstreflektionsblocker mit in die Wiege gelegt bekommen. Dann geht’s eigentlich.

Also was ist nun die Lösung?

Ich muss Euch enttäuschen, ich habe sie auch nicht.

Dieses „Selbstliebe“-Ding ist nicht so meins. Ich reflektiere gern, analysiere gern und denke einfach gern. Immerhin das. Daher kommt aber auch die Unzufriedenheit mit meinem Wesen, welches mich manchmal selbst so sehr nervt, dass ich mich selbst vor die Tür setzen möchte.

Da sitz ich nun… Ende dreißig, frisch geschieden, vom Haus in eine Wohnung, mit meinen drei Herzkindern und meinem besten Freund an meiner Seite und würde so gern wissen, wer ich eigentlich bin.

Ihr seht,  Ihr seid nicht allein mit euren Gedanken – wir werden schon herausfinden, wo wir im Leben stehen.

 

 

 

 

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